Der Herbst lädt uns ein, stiller zu werden.
Aber was geschieht eigentlich, wenn wir still werden – und es in uns überhaupt nicht still ist? Wenn da plötzlich Wut ist? Unzufriedenheit? Traurigkeit? Angst? Neid? Einsamkeit?
Vielleicht sogar Bitterkeit über etwas, das uns widerfahren ist oder das in unserem Leben nicht so geworden ist, wie wir es uns einmal gewünscht haben?
Über die wohltuende Seite der Stille sprechen wir gerne.
Wir zünden eine Kerze an, meditieren, trinken einen Tee, gehen durch den Wald und versuchen, zur Ruhe zu kommen. Aber das ist nur die eine Seite.
Denn wenn wir wirklich nach innen gehen, begegnen wir dort nicht nur unserem Licht.
Wir begegnen auch dem, was wir lieber nicht sehen möchten.
Was darf in uns eigentlich sein?
Schon früh lernen viele von uns, bestimmte Gefühle zu unterscheiden in solche, die willkommen sind, und solche, die besser verschwinden sollten.
Freundlichkeit ist gut. Dankbarkeit ist gut. Gelassenheit ist gut.
Aber Wut? Neid? Eifersucht? Aggression? Missgunst? Verzweiflung?
Das möchten wir lieber nicht haben.
Und gerade Frauen haben über Generationen gelernt, bestimmte Seiten von sich zurückzuhalten. Sei freundlich. Sei verständnisvoll. Kümmere dich. Sei nicht zu laut. Sei nicht zu fordernd. Reg dich nicht so auf.
Doch Gefühle verschwinden nicht dadurch, dass wir sie nicht haben wollen. Sie gehen in den Untergrund. Und von dort wirken sie weiter.
Auch die dunklen Gefühle gehören zu uns
Ich finde den Gedanken tröstlich, dass wir nicht erst vollkommen friedlich, liebevoll und ausgeglichen werden müssen, um ganze Menschen zu sein.
Wir sind bereits ganz. Mit unserer Großzügigkeit und unserem Neid.
Mit unserer Liebe und unserer Wut. Mit unserer Stärke und unserer Angst.
Mit unserer Güte und manchmal auch unserer Kleinlichkeit.
Vielleicht besteht Reifung gar nicht darin, die eine Hälfte von uns immer weiter zu kultivieren und die andere Hälfte loszuwerden.
Vielleicht besteht sie darin, beides halten zu lernen.
Das bedeutet nicht, jedes Gefühl auszuleben. Wut zu würdigen heißt nicht, einen anderen Menschen anzuschreien. Aggression wahrzunehmen heißt nicht, aggressiv zu handeln. Neid anzuerkennen heißt nicht, ihm zu folgen.
Im Gegenteil.
Erst wenn ich weiß, was in mir geschieht, habe ich überhaupt eine Wahl, wie ich damit umgehen möchte.
Gefühle sind Botschafter
Vielleicht können wir beginnen, unsere sogenannten negativen Gefühle anders zu betrachten.
Nicht als Störenfriede. Sondern als Botschafter. Wut kann mir sagen:
Hier wurde eine Grenze überschritten.
Neid kann mich fragen:
Was wünsche ich mir selbst, das ich mir bisher nicht erlaubt habe?
Angst kann mir zeigen:
Hier fühle ich mich nicht sicher.
Trauer sagt:
Das war mir wichtig.
Und Einsamkeit erinnert mich vielleicht daran:
Ich brauche Verbindung.
Nicht jedes Gefühl enthält eine eindeutige Wahrheit. Aber jedes Gefühl verdient zunächst unsere Aufmerksamkeit.
Eine kleine Herbstübung: Dem Unbequemen einen Stuhl anbieten
Wenn du möchtest, probiere in den nächsten Tagen einmal etwas aus. Wenn ein unangenehmes Gefühl auftaucht, versuche nicht sofort, es zu verändern. Setz dich hin. Spüre zunächst deinen Körper.
Wo bemerkst du dieses Gefühl?
Im Bauch? Im Brustkorb? Im Hals? In den Schultern?
Versuche für einen Moment, nicht die Geschichte über das Gefühl zu erzählen, sondern das Gefühl selbst wahrzunehmen.
Und dann frage:
Was möchtest du mir sagen?
Was brauchst du von mir?
Was versuche ich vielleicht schon lange nicht zu fühlen?
Und dann warte. Vielleicht kommt eine Antwort. Vielleicht auch nicht.
Es geht nicht darum, etwas zu erzwingen. Es geht darum, dem, was sonst weggeschoben wird, für einen Moment einen Platz an deinem inneren Tisch anzubieten.
Das Laute braucht nicht weniger Aufmerksamkeit als das Stille
Vielleicht ist das eine der großen Aufgaben der zweiten Lebenshälfte:
Nicht immer „besser“ werden zu wollen, sondern vollständiger.
Uns nicht mehr nur mit den Seiten zu identifizieren, die wir gerne von uns zeigen, sondern langsam auch die Frau kennenzulernen, die wütend ist.
Die enttäuscht ist.
Die etwas will.
Die Nein sagt.
Die manchmal neidisch ist.
Die Angst hat.
Die nicht immer liebevoll und weise ist.
Auch sie gehört zu uns.
Und vielleicht steckt gerade in diesen lange zurückgehaltenen Anteilen eine ungeheure Lebenskraft. Denn Wut ist auch Energie. Sehnsucht ist Energie. Unzufriedenheit ist Energie. Sogar Neid kann uns zeigen, wo etwas in uns noch leben möchte.
Die Frage ist nicht nur: Wie kann ich zur Ruhe kommen?
Vielleicht lautet die viel spannendere Herbstfrage:
Was wird hörbar, wenn ich aufhöre, mich selbst zum Schweigen zu bringen?
Wenn dich dieser Artikel berührt hat, dann vielleicht, weil in dir etwas bereit ist, gelebt zu werden.
In meinem 1:1 Coaching begleite ich dich dabei, deinen nächsten Schritt zu finden – ohne Druck, aber mit Klarheit und Richtung.

